Automatisierungen

Welche Prozesse zuerst automatisieren? 8 Startkandidaten für KMU

Welche Prozesse zuerst automatisieren? 8 Startkandidaten für KMU

Fang mit einem Ablauf an, der oft vorkommt, bei dem ein Fehler im Haus bleibt und dessen Daten schon im Rechner liegen. Das sind selten die Ideen aus dem Strategiemeeting. Es sind Rückrufbitten, das Sammelpostfach, abgetippte Kontaktdaten, Angebotsentwürfe, Erinnerungen, Statusmeldungen zwischen Programmen, Belege und der Wochenbericht.

Der Grund: Am ersten Prozess lernst du, wie Automatisierung in deinem Betrieb funktioniert. Dafür brauchst du einen Fall, der oft genug läuft, um schnell Ergebnisse zu zeigen, und harmlos genug, dass ein Fehler niemanden nervös macht. Welcher der acht Kandidaten bei dir vorne liegt, entscheiden drei Zahlen.

Warum der erste Prozess unspektakulär sein darf

An Interesse fehlt es nicht. Laut einer Bitkom-Befragung von 603 Unternehmen ab 20 Beschäftigten nutzen inzwischen 57 Prozent KI, ein Jahr davor waren es 36 Prozent. Trotzdem sagt keines der Unternehmen mit KI im Einsatz, dass es die Möglichkeiten von KI voll ausschöpft. Meine Lesart: KI steht oft als Chatfenster neben der Arbeit, statt in einem Ablauf zu stecken, der jeden Tag läuft.

  • Häufigkeit schafft Klarheit. Ein Ablauf, der 30 Mal am Tag läuft, hat nach zwei Wochen mehrere hundert Durchläufe hinter sich. Dann weißt du, wie oft er danebenliegt. Ein Vorzeigeprojekt, das einmal im Monat läuft, braucht dafür ein Jahr.
  • Ein harmloser Fehler kostet kein Vertrauen. Eine falsch beschriftete Mail ist schnell vergessen. Ein falsches Angebot beim Kunden nicht.
  • Der erste Fall legt die Grundlage. Zugänge, Schnittstellen, Werkzeug und eine zuständige Person richtest du einmal ein. Der zweite Prozess kostet dann spürbar weniger.

Drei Zahlen entscheiden die Reihenfolge

1. Stunden pro Jahr. Minuten pro Vorgang mal Vorgänge pro Woche mal Arbeitswochen, geteilt durch 60. Eine Rückrufnotiz mit 3 Minuten, 25 Mal pro Woche, 45 Wochen: rund 56 Stunden. Wie du zu ehrlichen Minuten statt gefühlten kommst, steht in Automatisierungspotenzial finden.

2. Was passiert, wenn es schiefgeht. Niedrig: Der Fehler bleibt im Haus und fällt sofort auf. Mittel: Das Ergebnis erreicht einen Kunden, aber vorher sieht ein Mensch drauf. Hoch: Etwas geht ohne Blick nach außen oder bewegt Geld. Hoch scheidet für den Anfang aus.

3. Liegen die Daten digital vor. Mail, Formular, PDF oder Datensatz im ERP heißt ja. Zettel, Whiteboard oder der Kopf der Kollegin heißt nein. Dann wird zuerst digitalisiert.

Daraus folgt: Sortiere nach Stunden, streich alles mit hohem Risiko und alles ohne digitale Daten. Was oben bleibt, ist dein Kandidat. Bei Gleichstand gewinnt der, der ohne KI auskommt. Feste Regeln sind billiger und verhalten sich jedes Mal gleich, KI brauchst du nur für Freitext, Sprache oder wechselnde Formate. Mehr dazu in Deterministische vs. KI-Automatisierung.

Acht Prozesse, mit denen KMU gut starten

Die Reihenfolge folgt dem Weg einer Anfrage durch den Betrieb, vom ersten Anruf bis zum Wochenbericht. Die Stunden sind grobe Richtwerte für einen Betrieb mit 20 bis 50 Beschäftigten, keine Messwerte. Rechne mit deinen eigenen Mengen nach.

ProzessTypischer Zeitgewinn pro Jahr (Richtwert)AufwandKI nötig?Risiko
Anrufe und Rückrufbitten erfassen50 bis 120 Std.mittelja, für die Spracheniedrig
Sammelpostfach vorsortieren100 bis 250 Std.mitteljaniedrig
Anfragedaten ins CRM übertragen30 bis 80 Std.kleinteilweiseniedrig
Angebotsentwürfe vorbereiten60 bis 150 Std.mittelja, Preise nichtmittel, mit Freigabe
Erinnerungen und Nachfassen30 bis 80 Std.kleinneinmittel, wenn Kunden sie bekommen
Status zwischen Programmen abgleichen40 bis 120 Std.klein bis mittelneinniedrig
Belege an die Buchhaltung weiterleiten30 bis 80 Std.kleinnein, erst beim Auslesenniedrig
Wochenbericht zusammenstellen50 bis 120 Std.mittelneinniedrig

1. Anrufe und Rückrufbitten erfassen

Automatisiert wird nicht das Gespräch, sondern die Notiz danach: Name, Nummer, Anliegen, Dringlichkeit, als Aufgabe im CRM oder als Ticket. Beispiel Handwerk: Der Heizungsbauer steht beim Kunden im Keller, das Telefon klingelt viermal. Mittags findet er vier Rückrufaufgaben, sortiert nach Notfall und Terminwunsch. Den Anruf selbst kann ein KI-Telefonassistent annehmen.

Aufwand: mittel. Regel oder KI: KI versteht die Sprache, das Anlegen der Aufgabe ist eine Regel. Stolperstein: Rückrufbitten ohne Zuständigen. Ohne feste Zuordnung liegt die Aufgabe nur an einem neuen Ort.

2. Sammelpostfach und Anfragen vorsortieren

Jede Mail an die allgemeine Adresse bekommt eine Kategorie und landet bei der richtigen Person. Beantwortet wird nichts. Beispiel Großhandel: Bestellungen, Fragen zum Liefertermin, Reklamationen und Preisanfragen kommen durcheinander an, Bestellungen gehen direkt an den Innendienst. Den stufenweisen Aufbau beschreibt der Beitrag zum Ordnen der E-Mail-Flut.

Aufwand: mittel. Regel oder KI: KI für Freitext, eine einfache Regel für Absender, die immer dasselbe schicken. Stolperstein: zu viele Kategorien. Fang mit fünf an.

3. Anfragedaten ins CRM übertragen

Kontaktdaten werden oft von Hand ins CRM getippt oder landen gar nicht dort. Beispiel Maschinenbau: Nach der Messe liegen 80 Visitenkarten als Fotos und Sprachnotizen auf dem Handy des Vertriebsleiters. Ein Ablauf legt Firma und Ansprechpartner an, hängt die Notiz zum Maschinentyp dazu und setzt eine Wiedervorlage. Bei Website-Formularen geht das ohne KI, weil die Felder getrennt ankommen.

Aufwand: klein. Regel oder KI: Regel für Formulare, KI für Fotos und freie Mails. Stolperstein: Dubletten. Prüf vor dem Anlegen, ob Firma oder Mailadresse schon existieren.

4. Angebotsentwürfe aus Anfragen vorbereiten

Aus Anfrage und Textbausteinen entsteht ein Entwurf, den ein Mensch prüft und freigibt. Beispiel Dienstleister, etwa eine Gebäudereinigung: Die Anfrage nennt Fläche, Raumart und Intervalle. Der Ablauf baut daraus Leistungstext und Positionen, Preise kommen aus der Preisliste, Fehlendes wird als offen markiert. Wie das mit Gesprächsnotizen klappt, zeigt Angebote aus Gesprächsnotizen.

Aufwand: mittel. Regel oder KI: KI für den Text, Preise immer per Regel aus der Liste. Stolperstein: Angebote mit eigener Kalkulation. Dort hilft der Entwurf beim Formulieren, das Rechnen bleibt bei dir.

5. Erinnerungen und Nachfassen

Offene Angebote, fehlende Unterlagen, fällige Wartungen: Der Ablauf prüft zu festen Zeiten, was offen ist, und erinnert intern oder schreibt dem Kunden. Beispiel Handwerk: Elf Monate nach der letzten Heizungswartung bekommt der Kunde zwei Terminvorschläge. Im Großhandel meldet der Ablauf Angebote, die seit zehn Tagen unbeantwortet sind, als Aufgabe an den Verkäufer.

Aufwand: klein. Regel oder KI: Regel, ein Datum und ein Status reichen. Stolperstein: die Erinnerung an jemanden, der längst reagiert hat. Vor jedem Versand muss der aktuelle Stand geprüft werden.

6. Status zwischen Programmen abgleichen

Ändert sich im ERP etwas, muss oft jemand im CRM, im Projekttool oder im Teamkanal Bescheid geben. Beispiel Maschinenbau: Steht ein Auftrag im ERP auf „versandt“, sieht der Vertrieb das im CRM, und der Projektleiter bekommt die Sendungsnummer. Niemand ruft mehr in der Fertigung an, um zu fragen, wie weit es ist.

Aufwand: klein mit Schnittstelle, sonst mittel. Regel oder KI: Regel. Stolperstein: Unklarheit, welches Programm führt. Leg je Feld fest, wo es gepflegt wird, sonst überschreiben sich die Systeme.

7. Belege und Eingangsrechnungen weiterleiten

Rechnungen kommen als PDF, Belege als Handyfoto. Der Ablauf sammelt sie, benennt sie einheitlich und legt sie dort ab, wo Buchhaltung oder Steuerbüro sie abholen. Beispiel Handwerk: Monteure schicken Fotos von Tankquittungen und Baumarktbons an eine feste Adresse, statt sie im Handschuhfach zu sammeln. Was danach möglich ist, steht in KI in der Buchhaltung.

Aufwand: klein. Regel oder KI: Regel. KI erst, wenn Betrag und Lieferant ausgelesen werden sollen. Stolperstein: dieselbe Rechnung per Post und per Mail. Ein Abgleich über Rechnungsnummer und Betrag fängt das ab.

8. Wiederkehrende Auswertungen und Wochenberichte

Jeden Montag dieselben Zahlen aus ERP, Excel und Onlineshop zusammenkopieren ist ein dankbarer Fall: fest getaktet, Daten schon digital. Beispiel Großhandel: Montag um sieben liegt eine Seite bei der Geschäftsführung, mit Umsatz je Warengruppe, offenen Angeboten, Lieferrückständen und Abweichungen zur Vorwoche.

Aufwand: mittel, weil mehrere Quellen angebunden werden. Regel oder KI: Regel für die Zahlen, KI höchstens für zwei Sätze Einordnung. Stolperstein: ein Bericht, den niemand liest. Frag vorher, welche Entscheidung jemand damit trifft.

Und womit baust du das?

Für die meisten der acht reicht ein Automatisierungswerkzeug wie n8n, Make oder Zapier, das deine vorhandenen Programme verbindet. Die Anrufannahme braucht zusätzlich eine Telefonlösung. Wichtiger als das Werkzeug ist, ob CRM, ERP und Buchhaltungssoftware eine Schnittstelle haben. Welches Werkzeug passt, vergleicht n8n vs. Make vs. Zapier.

Was du (noch) nicht automatisieren solltest

  • Abläufe, die jedes Mal anders laufen. Wenn drei Leute eine Aufgabe auf drei Arten erledigen, automatisierst du das Durcheinander. Erst einen Weg festlegen, etwa mit einem Prozessdiagramm.
  • Zusagen, die ungeprüft beim Kunden ankommen. Reklamationsantworten, Liefertermine, Preisnachlässe. Ein Entwurf ja, ein Versand nein.
  • Kalkulation bei Einzelanfertigungen. Die Erfahrung im Preis einer Sondermaschine steckt nicht in drei alten Angeboten.
  • Prozesse in einem Programm, das bald abgelöst wird. Steht der ERP-Wechsel an, baust du Anbindungen für ein Auslaufmodell.
  • Abläufe ohne Zuständigen. Jemand muss merken, wenn es hakt. Findet sich niemand, ist das Thema nicht reif.

So setzt du den ersten Prozess um

  1. Kandidaten durchrechnen. Streich, was bei dir nicht vorkommt, und bestimm für den Rest Stunden, Risiko und Datenlage.
  2. Den Normalfall aufschreiben. Auslöser, Schritte, woran man ein richtiges Ergebnis erkennt. Sonderfälle bleiben vorerst beim Menschen.
  3. Klein bauen, intern ausliefern. Das Ergebnis landet zuerst als Notiz, Aufgabe oder Entwurf bei euch, nicht beim Kunden.
  4. Zwei bis vier Wochen mitlaufen lassen. Zähl, wie oft jemand eingreifen musste. Diese Zahl sagt mehr als jede gesparte Minute.

Die ausführliche Reihenfolge mit Messpunkten und Rückfallebene steht in Prozess richtig automatisieren.

Häufige Fragen

Welchen Prozess sollte ein KMU zuerst automatisieren?

Den mit den meisten Stunden pro Jahr unter denen, bei denen ein Fehler im Haus bleibt und die Daten digital vorliegen. Gute Kandidaten sind oft das Sammelpostfach, Rückrufbitten oder der Wochenbericht.

Brauche ich für den Einstieg KI?

Nein. Erinnerungen, Statusabgleiche, Belege und Wochenberichte laufen mit festen Regeln. KI kommt dazu, wenn Freitext, Sprache oder Fotos verstanden werden müssen.

Wie lange dauert es, bis der erste Prozess läuft?

Als Richtwert: Ein kleiner Kandidat steht in wenigen Tagen, ein mittlerer in ein bis drei Wochen. Dazu kommen zwei bis vier Wochen Probebetrieb neben dem alten Weg.

Lohnt sich das schon in einem kleinen Betrieb?

Ja, wenn die Menge stimmt. Ein Handwerksbetrieb mit zwölf Leuten und 30 Anrufen am Tag hat mehr davon als ein Büro mit 60 Leuten und wenig Kundenkontakt. Es zählen die Stunden, nicht die Köpfe.

Fazit

Welche Prozesse du zuerst automatisierst, entscheiden Stunden pro Jahr, das Risiko bei einem Fehler und digitale Daten. Übrig bleiben fast immer unscheinbare Abläufe. Genau die eignen sich, weil du an ihnen lernst, ohne viel zu riskieren.

Wenn du deinen Kandidaten sauber umsetzen willst, ist das der Kern meiner KI-Automatisierung. Wo in deinem Betrieb die meisten Stunden liegen, schätzt der KI-Potenzial-Check ein.

Quellen: KI-Nutzung (57 Prozent, ein Jahr zuvor 36 Prozent) und Einschätzung zum ausgeschöpften Potenzial nach der Bitkom-Presseinformation „Erstmals nutzt die Mehrheit der Unternehmen KI“ vom 14. September 2026, Befragung von 603 Unternehmen ab 20 Beschäftigten. Zeit- und Aufwandsangaben sind eigene Richtwerte. Stand: Oktober 2026.

Über den Autor

Dennis Drzosga

KI-Systeme, Automatisierung und Prozessoptimierung für den Mittelstand in Aalen, dem Ostalbkreis und ganz Ostwürttemberg. Mehr über mich →

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